Behinderung – Ein neues Selbstbewusstsein

Nach dem 2. Weltkrieg gehörten die so genannten „Kriegsversehrten“ zum allgemeinen Straßenbild. Als Kind versuchte ich in der Straßenbahn einem Beinamputierten klarzumachen, dass er auf seine Sachen schon besser aufpassen müsse. Er hatte mir auf die Frage, was denn mit seinem Bein passiert sei, geantwortet, das hätte er im Krieg verloren. Er fand meine Ermahnung zum Schreien komisch, meine Eltern hätten sich vor Verlegenheit am liebsten in ihren Sitzen verkrochen. Das waren meine ersten Kontakte mit dem Thema Behinderung und das sollten sie auch für eine lange Zeit bleiben. Menschen mit einer Behinderung verschwanden nach und nach aus der Öffentlichkeit.

Die damalige Aktion Sorgenkind, aus der später die Aktion Mensch wurde, hielt den Gedanken aufrecht, dass es auch Menschen gibt, die unsere Unterstützung benötigen. Alle paar Wochen eine Abendshow, die Spenden sammeln sollte, das war es aber dann auch schon.

In den 80ern des letzten Jahrhunderts sorgte ein Film über eine junge, gehörlose Frau für Furore: „Gottes vergessene Kinder“. Marlee Matlin, die für die Hauptrolle den Oscar bekam, ist auch im richtigen Leben gehörlos. Plötzlich sah man überall Menschen gesten, was aber schnell wieder das Besondere verlor.

Dann gab es plötzlich keine Behinderten mehr. Es gab Menschen mit Funktionseinschränkungen, Menschen mit Lernschwäche – eine Erfindung von nicht Behinderten, die glaubten, zu wissen, wie wir denken.

Bei den Paralympics in London machte eine lettische Sängerin auf sich aufmerksam. Viktoria Modesta trägt ihre Beinprothese wie ein modisches Accessoire. Inzwischen ist sie auch als Model gut gebucht. Ihr neues Video: Prototype sorgt gerade für Furore. Sie tut etwas, das auch der viel zu früh verstorbene Joe Cocker mit Erfolg praktiziert hat: Sie baut ihre Behinderung ganz selbstverständlich in ihre Arbeit ein – als Stärke und individuelles Kennzeichen.

David Lebuser, der die neue Sportart Wheelchair-Skating, WCMX in Deutschland etabliert hat, ist derzeit sogar Weltmeister. Den sympathischen Rollstuhlpiloten aus Frankfurt/Oder würde kein Mensch als behindert bezeichnen.

Genau wie Sven Brick. Auch er protagiert eine Sportart, Callisthenics. Eigentlich ist diese eine der ältesten sportlichen Betätigungen überhaupt. Allerdings so, wie sie heute gezeigt wird, ist sie sogar ziemlich sensationell. Hier wird nur menschliche Körper genutzt. Kein Sportstudio, keine teuren Übungsgeräte, ein Kinderspielplatz oder ein Wäschegestell sind schon fast Luxus. Gut, Sven hat noch ein extra Übungsgerät – seinen Rollstuhl.

All diese Menschen beweisen, dass das Wort behindert vielleicht noch von 15-jährigen Schulabbrechern als Schimpfwort benutzt wird. In der Realität sind immer mehr Behinderte so selbstbewusst, dass sie dieses Attribut ganz selbstverständlich nehmen. Es ist ein Teil von uns. Manche können besonders gut rechnen, haben eine schöne Stimme, fahren Rollstuhl, gesten oder sind Sportler. Jeder Mensch hat etwas Besonderes. Eine Behinderung, das ist kein Stigma, keine Strafe. Unsere Behinderung, das ist etwas, das zu uns gehört – so wie die Haarfarbe, das Aussehen oder auch die Fähigkeit, Schokolade direkt in Hüftgold umzuwandeln.

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1 Antwort zu Behinderung – Ein neues Selbstbewusstsein

  1. sanchospiky sagt:

    Das bringt es auf den Punkt.

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